Hexenprobe

Eine kurze Kurzgeschichte, entstanden im Rahmen des #Phantastober 2021

Cora trat aus dem Wald heraus und eilte über die Wiese, den Korb fest in der Hand. Sie wollte noch vor Einbruch der Dämmerung einen Kürbis ernten. Zusammen mit den gesammelten Kräutern würde er ein hervorragendes Essen für die Hexen abgeben, die sie heute Abend besuchen würden. Endlich war es so weit — Cora durfte versuchen, sich zu verwandeln.

Beim letzten Treffen des Zirkels rief sie gemeinsam mit ihren Geschwistern das Orakel an, um herauszufinden, wann der günstigste Tag für die erste Verwandlung wäre. ›Die Nacht des nächsten Vollmondes‹, antwortete die hallende Stimme, die das Wissen Tausender Hexen aus vergangenen Tagen in sich vereinte. Dieser Tag war heute.

Hastig schob Cora die alchemistischen Ingredienzien zur Seite und wuchtete den beachtlichen Kürbis auf den Tisch. Er hatte sich nicht ohne Protest ernten lassen und grummelte noch immer vor sich hin, ahnungslos, was ihm bevorstand.
»Dass es in den Märchenbüchern der Menschen nicht von sprechenden Kürbissen nur so wimmelt, werde ich nie verstehen.« Sie schliff ihr Küchenmesser, beträufelte dafür hin und wieder den Wetzstein mit Wasser. Dabei drehte sie dem Kürbis den Rücken zu. Nervöse Kürbisse ließen sich schwerer zerteilen und schmeckten bitter. Das alte Kochbuch, das seit Generationen weitervererbt wurde, barg das Wissen ihres Volkes über Zubereitung verwunschener Zutaten, aber auch das Brauen von Tränken und dem Wirken von Flüchen. Jetzt lag es offen da und zeigte das schmackhafte Rezept für ›Kürbis auf Kräuterbett‹.
»Tilbi«, rief Cora nach ihrem Imp. »Wir brauchen Wasser für den Tee!«
Unter ihren Füßen polterte es. Einen Augenblick später klappte ein Stück Holzboden zur Seite und förderte ein kleines, dürres Wesen zutage. Der schlammgrüne Dämon stieß mit seinem Fuß gegen die Klappe, um sie zu verschließen. »Rückst du dem armen Gewächs mit deinem glänzenden Schwert zu Leibe?«, fragte Tilbi glucksend.
So, wie Cora ihren Imp kannte, glänzten seine Augen bei der Vorstellung, wie sie gleich den Kürbis den Garaus machen würde. Hektisch schüttelte sie den Kopf.
»Das ist kein Schwert«, widersprach sie laut, einen Blick über die Schulter zu ihrem Abendessen werfend. »Das ist höchstens ein Dolch«, fügte sie murmelnd hinzu. Mit einer Handbewegung scheuchte sie Tilbi zur Tür hinaus. »Hol Wasser, bitte. Wir bekommen bald Besuch. Und schaust du nach dem Gemüse? Dieses besessene Grünzeug macht mich langsam verrückt.« Wie aufs Stichwort brummelte der Kürbis abermals. Cora warf ihrem Gefährten einen Blick zu und zog dabei die linke Augenbraue hoch.
»Ich bin ja schon unterwegs. Die Vogelscheuche braucht dringend eine Fortbildung in Geistervertreibung.« Tilbi ergänzte murmelnd etwas auf Dämonisch, als er hinausging. Coras nur wenig vorhandene Kenntnis dieser Sprache verhinderte, den impischen Dialekt zu verstehen.
Akribisch beäugte Cora ihr Küchenmesser. Scharf glänzte die Schneide im Licht der vielen Kerzen, die das Innere der Hütte erleuchteten. »Nun denn …«

Kurze Zeit später lag der Kürbis zerteilt auf dem Tisch, seiner Innereien beraubt und fertig für den Topf. Cora schreckte hoch, als die Eingangstür aufflog und innen gegen die Wand knallte. Eilig drehte sie sich herum und sah Abena, die ihren Hexenhut an den Nagel hing. Cora ließ den Kochlöffel fallen und legte eilig die linke Hand auf die Brust, während sie mit der anderen ihr rechtes Auge bedeckte. »Ich grüße dich, Wissende um Mond und Mythen.« Sie senkte die Hände. »So früh habe ich euch gar nicht erwartet.«
»Es ist niemand bei mir. Ich wollte etwas früher kommen und überprüfen, ob auch wirklich alle Voraussetzungen für deine Verwandlung heute ideal sind.« Abena durchmaß mit forschen Schritten die kleine Hütte und blieb vor Cora stehen. Unruhe und Angst sammelten sich in ihrem Magen, doch Vorfreude feuerte ihr Herz an und überdeckte das mulmige Gefühl.
»Hast du deinen Zauberfokus festgelegt, so wie es der Brauch ist?«
Cora nickte und lächelte. »Ja, habe ich. Alles liegt bereit. Tarotkarten, die Spruchbücher und die Kristalle zu Kanalisieren, alles dort drüben.« Sie deutete auf eine niedrige Kommode.
»Der Spiegel?«
»Liegt abgedeckt in der obersten Schublade. Zur Sicherheit.«
Abena strahlte Cora an. »Ich bin stolz auf dich, dass du dich heute dieser Prüfung stellst.« Neugierig linste sie in den Topf. »Das sieht gut aus, aber lass uns nach dem Ritual essen. Man weiß nie, wie so ein Zauber auf den Magen schlägt«, riet sie zwinkernd.
»Klopf klopf, jemand zu Hause?« Eine hohe Stimme drang dumpf durch die Holztür. Cora öffnete mit einem Wink ihres Zeigefingers.
»Seid gegrüßt, Geschwister. Kommt rein.«
Die weiteren Mitglieder des Zirkels, Rawena, Selene und Brii, betraten Coras Heim. Langsam wurde es voll in ihrer Hütte. Mit einem weiteren Wink ihrer Hand holte sie ein paar Hocker hervor, damit alle sich setzen konnten. Im Halbkreis nahmen die Hexen Platz. Zu ihren Füßen breitete sich ein mit weißem Kalk gezeichneter Kreis aus, den Cora heute Morgen akribisch nach den Vorgaben des magicae maga angefertigt hatte.
»Ich ziehe mich nur rasch um, dann können wir beginnen.« Cora wischte sich die Hände an einem Küchentuch ab und schlüpfte hinter den Paravent, der ihr Bett vom Rest der Hütte trennte. Andächtig betrachtete sie einen Moment das nachtschwarze Kleid, dass sie sich für diesen besonderen Tag genäht hatte. Perlen verzierten das hochgeschlossene Dekolletee und bildeten auf dem sinistren Stoff einen Sichelmond und ein paar Sterne. Zufrieden strich Cora über die langen, weichen Ärmel und trat dann vor den versammelten Zirkel.
»Ab hier bist du auf dich gestellt, Cora. Wir schützen dich, den Weg der Verwandlung wirst du jedoch allein gehen.«
Cora erwiderte Abenas aufmunterndes Lächeln. »Ich habe verstanden.«
Die vier Hexen fassten sich an den Händen und begannen, die Schutzformel zu intonieren. Cora ging indes zur Kommode hinüber und stellte die Kerzen und die Kristalle an ihren Platz im Kalkkreis. Zuletzt holte sie den Spiegel aus der Schublade und platzierte ihn so, dass er den Mond einfing. Groß und rund stand der vor Coras Fenster, als würde er in dieser Nacht nur über sie wachen. Sie griff nach dem Tarotdeck und zog nacheinander drei Karten vom Stapel. Der Page der Kelche, die Sieben der Stäbe, der Mond. Die Karten meinten es gut mit ihr, wenn auch nicht ideal. Cora hob den Blick, gespannt, was Abena zu den Karten sagen würde, doch ihre Meisterin saß mit geschlossenen Augen da, versunken in dem Sprechgesang, der sie alle schützte.
Ein letztes Mal atmete Cora tief ein und aus, dann schlug sie das Buch auf und sprach die Formel der Verwandlung, die Augen fest auf die uralten Worte geheftet. Plötzlich fiel ein Schatten auf Cora. Beunruhigt sah sie aus dem Fenster. Am Himmel türmten sich Wolken, verdeckten den Mond. Ihr Blick schnellte zum Spiegel. Der reflektierte, wie es seiner Natur zukam, das bedrohliche Grau. Der Nachthimmel schien schwärzer zu sein als je zuvor und der Wind erhob sich zu einem Sturm. Die Flammen der Kerzen zitterten, drohten zu erlöschen.
»Bitte nicht ausgehen«, flüsterte Cora bang.
Die erste Flamme erstarb.
Jäh wurde Cora schwarz vor Augen und eine unsichtbare Pranke schloss sich um ihre Brust. Sie rang nach Luft. Ein nebliger Wirbel erfasste sie, riss sie fort aus der schützenden Hütte, fort von ihren Geschwistern. Auf einmal fand sie sich in einem Kampf wieder. Die Gestalten der Nacht, Vampire wie Werwesen, standen sich gegenüber und fochten den Kampf ihrer Ahnen. Klauen und Zähne versanken im Körper des Gegenübers, während unzählige Dämonen für die kämpften, die sie heraufbeschworen hatten. Cora hob schützend die Arme vor ihr Gesicht und erstarrte. Ihre Arme waren voller Pelz. Sie hatte keine Hände mehr, sondern Pranken.
»Ich … ich bin eine Werwölfin«, stotterte sie und zuckte zurück. In ihrem Mund schmeckte sie Blut. Zaghaft tastete ihre Zunge nach den Eckzähnen, die ein Vielfaches so scharf waren wir noch Minuten zuvor. »Was? Etwa … etwa auch eine Vampirin?«
Cora trat und wand sich, um den unsichtbaren Griff zu entfliehen, doch vergebens. Vor ihr kämpften die Monster weiter um die Vorherrschaft, rückten mit ihren blutigen Leibern immer näher an Cora heran.
»Nein, lasst mich gehen! Lasst mich gehen!«, kreischte sie panisch, sicher, dass sie gleich ihr Ende finden würde. Sie kniff die Augenlider zusammen, als unvermittelt ein grelles Licht auf sie zurollte. Ein lautes Reißen wurde von einer Kakophonie aus Jaulen, Schreien und Brüllen abgelöst und dann — Stille. Dunkelheit.
Das Licht nahm ab, bis es nur noch ein Glimmen war. Zögernd öffnete Cora die Augen, blinzelte mehrmals und sog abgehackt Luft in ihre schmerzenden Lungen. Das sanfte Leuchten schwebte vor ihren Augen auf und ab.
»Bist du eine Todesfee? Bin ich tot?«, fragte Cora matt und wartete ruhig auf die Bestätigung.
»Nein, nur vom Weg abgekommen«, antwortete die Stimme von Tausenden in einer. Das Licht begann, Kreise um Cora zu ziehen, immer enger, bis Cora die Hitze auf ihrer Haut spürte, gleich einem übersinnlichen Scheiterhaufen.
Im nächsten Moment umgab Holz Cora. Erschöpft und schweißgebadet brach sie auf dem Fußboden ihrer Hütte zusammen. Sie spürte mehrere Hände auf sich, die sie umdrehten, ihre Augenlider nach oben zogen und ihren Kopf streichelten.
»Es ist alles gut. Du hast es überstanden. Du bist in Sicherheit«, hörte Cora ihre Geschwister sagen. Sie passten auf sie auf, immer.
»Da ist wohl mächtig was schief gelaufen bei der Formel.« Abenas besorgter Blick ruhte auf Cora, als sie nach einer gefühlten Ewigkeit wieder klar sehen konnte.
»Der Mond war plötzlich von Wolken bedeckt und … und ich hätte wohl den Spruch nicht weiter wirken sollen.«
Abena half ihr hoch und führte sie zu ihrem Bett. »Mach dir keine Gedanken, Liebes. Beim nächsten Vollmond versuchst du es erneut.«
»In Ordnung. Nehmt euch was von dem Kürbis …« Sobald Coras Kopf ihr Kissen berührte, sank sie in einen tiefen, traumlosen Schlaf.

Am nächsten Morgen stand Cora zwischen ihren Beeten, eine Tasse dampfenden Tees in den Händen haltend, und beobachtete ihre Vogelscheuche, die verzweifelt versuchte, die rastlosen Geister vom Gemüse fernzuhalten. In Gedanken verfolgten sie die Bilder der letzten Nacht und ihrem Versuch, sich in etwas Harmloses zu verwandeln, in ein Kaninchen oder eine Katze. Obwohl sie es in Angst und Schrecken versetzt hatte, plötzlich Wer- und Vampireigenschaften zu haben, haftete das Gefühl der Macht immer noch an ihrem Bewusstsein. Nachdenklich wanderte ihr Blick zum Waldrand. Dahinter verbargen sich Wesen, die sie bisher immer gefürchtet hatte. Doch nun drängte es sie, deren Bekanntschaft zu machen.
»Tilbi«, rief sie über ihre Schulter. Ein Lächeln umspielte dabei ihre Lippen. »Hol meinen Reiserucksack. Wir haben etwas vor.«